Lätare - das Sommersingen

Eng mit dem Liegnitzer Land verbunden ist der Brauch des Sommersingens, das am Sonntag Laetare, also am dritten Sonntag vor Ostern, stattfand.
Der Sonntag Laetare steht in der Mitte der Fastenzeit und wird deshalb auch "Mittfasten" oder "Brotsonntag" (in Anlehnung des Evangeliums von der Brotvermehrung) genannt.

Das Liegnitzer Tageblatt hat regelmäßig über das Sommersingen an Lätare berichtet, da dieser Tag sowohl für die Kinder als auch für die Erwachsenen eine besondere Bedeutung hatte. Ein Bericht vom 21. März 1936 erklärt den Ursprung dieser Tradition:

Lätare
Liegnitz und der Ursprung des Sommersingens


Eine noch in ganz Schlesien bestehende Sitte, die aber auch fast nur auf das Beschenktwerden beschränkt ist, ist das „Sommersingen“ der Kinder am Sonntag Lätare. Keinem der kleinen munteren „Sänger“, aber auch sonst keinem, ob er daran Freude hat oder Anstoß nimmt, fällt es ein, nach dem Grund dieses Brauches zu fragen. Das Kind ist stolz auf seinen bunt-geputzten „Sommerstecken“, freut sich an den Gaben, die es sich „ersingt“, und fragt höchstens, wenn der Lätaresonntag in winterlichem Gewande erscheint oder von Sturmesfanfaren begleitet ist, warum denn der „Sommersonntag“ nicht noch ein paar Wochen und auf Schönwetter hat warten mögen.

Was hat es mit diesem „Sommersonntag“ für eine Bewandtnis?
Er geht auf ein großes geschichtliches Ereignis zurück. Der Lätaresonntag des Jahres 965 (7. März 965) bedeutet einen Markstein in der kulturellen Entwicklung des Ostens. An diesem Tage legte Miesko (oder Mieczyslaw), der Urenkel des zum Herrscher erwählten Bauern Piast, des Stammvaters des Herrschergeschlechtes der Piasten, ein öffentliches Bekenntnis zum Christentum ab und ließ sich in Gnesen taufen. Zugleich erging ein allgemeines Verbot jeder Götzenverehrung in seinem Lande. Zur Erinnerung an diesen bedeutsamen Tag entstand die Sitte des Todaustreibens und des Sommersingens. Alljährlich am Sonntag Lätare trugen die jungen Leute eine Puppe aus Holz, Stroh oder Lumpen unter Johlen und Spottrufen herum und warfen sie schließlich ins Wasser oder verbrannten sie, um damit zu versinn-bildlichen, daß das Heidentum vernichtet sei. Sodann putzten sie einen Baum, eine Tanne oder Fichte, mit allerlei buntem Schmuck, kehrten jauchzend und singend zurück und erbaten sich an den Häusern eine Gabe. Bekannt ist von den alten Liedern, die ehedem gesungen wurden, u. a. ein Vers, der auf die Bedeutung des Brauches hinweist:

Den Tod haben wir hinausgetrieben,
Den lieben Sommer bringen wir wieder,
Den Sommer und den Maien,
Der Blümlein mancherleyen.

Allmählich wurden die Begriffe „Heidentum“ und „Winter“ und „Christentum“ und „Sommer“ gleichgesetzt, und so entstand die Meinung, der man noch begegnen kann, daß der Sommersonntag keine andere Begegnung habe, als über das Ende der Winterzeit zu jubeln und den Einzug des Frühlings zu feiern.

In manchen Gegenden Schlesiens ist es noch üblich, die ganze Sommersonntags-zeremonie, das Todaustreiben, zu üben. Im allgemeinen hat sich nur der Brauch der Kinder erhalten, mit einem geputzten „Sommerstecken“, einem Stecken, der durch Papierrosen und bunte Bänder geziert ist, von Haus zu Haus zu ziehen und die Liedlein vom „Sommer“ oder den „Roten Rosen“ zu singen. So sieht der Lätaresonntag, der in aller Munde nur „Sommersonntag“ heißt, an allen Orten Schlesiens vom frühen Morgen an das bunte, lebendige Bild munter singender Kinderscharen, die sich eine Gabe erbitten und für sie bereits einen Leinenbeutel um den Hals gehängt tragen. Man kann da die drolligsten Verse hören, wie etwa:

Rote Rosen, rote, sitzen auf dem Stengel,
Der Herr ist schien, die Frau ist wie ein Engel.


oder:

Summer, Summer, ich bin ein kleiner Pummer,
Laßt mich nicht zu lange stiehn, ich muß ein Häusel weiter giehn.


Wehe aber dem Haus, in dem keine Gaben ausgeteilt werden! Mit Toben und Lärmen werden da die Verse der Entrüstung losgeschmettert:

Hühnermist, Taubamist,
Ei dam Hause kriegt ma nischt.


Gerade Liegnitz, die Piastenstadt, hat allen Grund, den Brauch des Sommersingens, der also von einem wichtigen Schritt eines Piasten hergeleitet wird, nicht einschlafen zu lassen. Indes: diese Sorge besteht nicht; die Liegnitzer Jugend wird den „Sommersonntag“ von wegen des „einnehmenden“ Erfolges stets in althergebrachter Weise weiterfeiern.