Lätare 1935 im Schneegestöber

Lätaresänger im Schneegestöber
Knirschendes Eis am Sommersonntag


Eigentlich ist „Gestöber“ noch zu wenig gesagt! Hunderte kleiner Liegnitzer Lätaresänger wurden am Sonnabendspätnachmittag von einer Neuauflage des Winterüberfalles überrascht, der am Freitag höchst unvermutet auch über Liegnitz hereinbrach. Zwar war der Schneeüberfall am Sonnabend nicht ganz so scharf wie tags zuvor, aber er genügte völlig, um das Lätaresingen zu beenden und trieb selbst die Erwachsenen zur Eile. Es war jedenfalls wieder sehr ungemütlich, denn die Grundtemperatur lag mit sinkender Sonne schon wieder ziemlich tief. Der Matsch in den Straßen gefror von neuem und knirschte unter den Schuhen der kleinen Sänger. Es war sowieso für sie keine ungetrübte Freude gewesen, den Sommersonntag einzusingen, wo doch offenbar der Winter mehr als hartnäckig sein Feld behauptet. So flatterten denn am Sonnabend die bunten Fähnchen der Lätarestecken in der kalten Brise des Schneefalles, und das junge Völkchen machte, daß es schleunigst heim zu Muttern kam.
Nach einer wieder recht kalten Nacht begann der sogenannte „Sommersonntag“ zwar mit Sonnenschein, aber mit unangenehm niedrigem Thermometerstand. Das kleine Völkchen hatte es also wiederum nicht leicht. Über knirschende stachlige Eispolster hinweg, die das Laufen sehr anstrengend machten, zogen die kleinen Sänger los. In ihre Liedchen mischte sich der schüchterne Morgengesang der gefiederten Sänger, die natürlich unter diesem strengen Nachwinter schwer zu leiden haben. So manches der Vögelchen, die aus milderem Süden in die alte Heimat zurückgekehrt sind, wird wohl in diesen Tagen sein Leben gelassen haben. Den Junghasen ist es kaum besser gegangen. Armes kleines Volk!

Die Lätaresänger haben sich auch am Sonntag so wenig wie möglich auf den Straßen aufgehalten. Man sah sie rasch ihres Weges ziehen. Gegen Mittag waren ihrer noch noch wenige zu sehen. Weil sie diesmal so kaltes Wetter hatten, gab man ihnen überall gerne und so reichlich wie irgend möglich. Die meisten kamen recht „erfroren“ nach Hause, wenn das auch nicht gerade wörtlich zu nehmen ist. Aber froh waren sie jedenfalls alle, als sie wieder daheim waren. Sie haben trotz der ungemütlichen Witterung dazu beigetragen, daß der alte, schöne Brauch auch diesmal wieder zur Geltung kam. Dies sei dem kleinen Volk herzlich gedankt. Der Winter aber, der durchaus nicht kapitulieren wollte, mußte sich gar manches schlimme Wort einstecken!
(Quelle: Liegnitzer Tageblatt vom 1. April 1935)