Lätare 1934 mit Sprühregen

„Laßt mich nicht zu lange steh’n ...“
Trotz des Sprühregens viele kleine Lätare-Sänger



Die schönsten Lätarebilder in den Straßen unserer Stadt hatte diesmal der Sonnabendnachmittag, denn er selber, der Lätaresonntag, brachte von früh bis abends grämlich grauen Himmel und Sprühregen. Nur gegen Mittag guckte ein paarmal die Märzensonne durch den Wolkenvorhang, als wollte sie nachsehen, ob die Kinder dennoch Lätare singen. Ja, das haben sie getan. Trotz des mürrischen Wetters womöglich noch zahlreicher als im Vorjahre, wohl meist auch mit größerem „Erfolg“, denn man konnte gelegentlich ganze Trupps der kleine Sänger sehen, die sich freudestrahlend ihre gesammelten Schätze zeigten. Man ging natürlich erst zu den Verwandten und zu den guten Bekannten der Eltern; viele klapperten aber auch der Reihe nach Häuser ab und sangen auf dem Treppenflur, von unten bis oben. Sturm gabs am Sonntagmittag natürlich auch in den Bäckerläden, die zu den wenigen Branchen gehören, die Sonntags den Laden offen halten dürfen. Früher war das anders! In der schon sagenhaft lange zurückliegenden Zeit, als es noch keine Sonntagsruhe gab und bis weit in den Nachmittag hinein fast alle Läden geöffnet waren. Da war natürlich Sonntags leichter „sommern“ als heutzutage. Aber dafür wird eben jetzt schon Sonnabends gesommert. Im großen und ganzen ist auch diesmal wieder gegeben worden, obschon die Zeit immer noch wirtschaftlich nicht leicht ist. Die Gaben fallen noch immer bescheidener aus als einstmals. Aber die Hauptsache ist doch schließlich, daß überhaupt gegeben wird. Dieser Volksbrauch ist nun einmal ganz auf das Geben eingestellt und bräche zusammen, wenn dem nicht mehr so wäre.
Freuen wir uns, daß sich eine so schöne, liebe Sitte als so zählebig erweist und noch immer gedeiht in einem Zeitalter, das in jeder Hinsicht so ganz anders geartet ist als die lange zurückliegende Vergangenheit, in der das Lätaresingen aufkam. Durch Jahrhunderte hindurch ist es frisch und froh und buntbebändert geblieben. Es wird, so darf man hoffen, noch lange nicht altmodisch sein.
(Quelle: Liegnitzer Tageblatt vom 12. März 1934)