Lätare 1934 - Lieder und Kehrreime

Sommersingen

Am Sonntag Lätare – „Freue dich“ – liegt man in Schlesien nicht lange im Bett. Sobald die Haustüren offen sind, weckt ein schnurrendes Tappeln und Drängen im Flur. Leises Kichern, Flüstern, Stoßen – aber man hat ja nicht so viel Zeit, man muß weiter, der Entschluß muss schnell gefaßt werden und schon beginnt es tapfer: „Ich bin a kleiner Kenig (König)“, „Kenig“, „Kenig“, fallen die anderen Sänger nacheinander ein und weiter ruft und singt es lauter und mehrstimmig:

Rote Rosen, rote Rosen
Blühn auf dem Stengel,
Der Herr ist schön, der Herr ist schön,
Die Frau ist wie ein Engel.
Der Herr hat eine hohe Mütze, Er hat sie voll Dukaten sitzen.
Er wird sich wohl bedenken,
Er wird mir wohl was schenken ...
Und wenn es lange dauert, wenn er vor der Tür warten muß, ehe jemand herauskommt und den kleinen Sänger beschenkt, dann wird er ungeduldig und singt
Ich bin ein kleiner König,
Gebt mir nicht zu wenig,
Laßt mich nicht zu lange stehn,
Ich muß ein Häusel weiter gehn.

Es gibt ja so viele Sommerlieder. In jeder Gegend findet man eigene Verse. Ja, sogar manches Dorf und manche Stadt hat einen eigenen Sommersonntagsvers. Hier will ich euch ein paar neue erzählen, die ihr gewiß noch nicht kennt.
Wir treten in ein schönes Haus.
Das Unglück wolln wir jagen raus,
Den Segen wolln wir bringen,
Drum wir fleißig singen:
Den Herren und den Frauen,
Die lieblich anzuschauen.
Ein schönes Paar tritt jetzt hervor.
So schön kam uns kein anderes vor.
Dort oben auf dem Throne
Da sing’n die Englein schone.
Die Englein singen allzugleich
Dem lieben Gott im Himmelreich.

Ein anderes Lied heißt so:
Frau (Name) hat gar spitze Schuh,
Sie eilt wohl auf die Kirche zu.
In die Kirche geht sie beten,
In den Himmel wird sie treten.
Bescheer ihr Gott, bescheer ihr Gott,
Daß sie Glück und Segen hat.

Viele Leser werden ja auch nachstehenden neckischen Vers kennen:
Herr (Name) hoat an hohen Hutt,
ar is a jungen Madeln gutt,
ar möcht sie gerne kissen,
die Frau die durfs nie wissen!

Auch in Liegnitz hat sich der alte liebe Brauch des Sommersingens am Sonntag Lätare in einem Umfange erhalten, der unsere Stadt dann in dieser Hinsicht mit in die vorderste Reihe stellt. Es wird auch diesmal nicht anders sein, denn Angebot und Verkauf der bekannten buntbebänderten Stecken ist wieder so lebhaft, daß alle Aussicht auf ein schönes Lätarebild vorhanden ist.
(Quelle: Liegnitzer Tageblatt vom 10. März 1934)