Lätare 1931

„Ich kumm zum Summer,
ich bin a kleener Pummer“

Liegnitz am Lätaresonntag

Heut’ ist Lätare, wie ihr wißt,
Was wohl ein Grund zur Freude ist.
Nun harre ich erwartungsvoll,
Worüber ich mich freuen soll!
Das Leben bietet Schweres nur,
Bleibt nur die Freude der Natur;
Mit dieser hapert’s heuer sehr,
Noch herrscht die Kälte rings umher.
Zwar Eis und Schnee den Skier freut.
Doch gibt es auch noch andre Leut’,
Die hoffen jetzt an jedem Tag
Vom Frühling einen Vorgeschmackt.
Der Lenz, er kommt nicht recht vom Fleck.
Es fehlt sogar der Schnepfendreck!
Und dichtet man ein Frühlingslied,
So gilt die Sache als verfrüht.
Vorfreude ist die beste zwar,
Doch dauert lang’ sie dieses Jahr.
Und doch: Lätare – Hoffnungsklang
Dem Herzen, wenn es noch so bang.
Zwingt auch der Winter uns ins Joch,
Der liebe Kerl, der Lenz kommt doch;
Und ist Lätare kalt und kahl,
So freut man sich ein andres Mal!

Und so war es denn wieder einmal wie es immer zu Lätare war: Die sommernden Kinder weckten den Langschläfer aus letzten Morgenträumen, zogen mit ihren buntbebänderten Stecken scharenweise durch die Stadt und zeigten damit, daß auch sie – was ja schließlich die Hauptsache ist – nach wie vor Freude an diesem alten schönen Lätarebrauch haben. Der Lätaremorgen war sonnig, immerhin aber noch recht frisch. Vom nahenden Frühling war außer den goldenen, auf die Kaffeetassen flimmernden Sonnenstrahlen noch nicht viel zu merken. Auf den Schattenseiten der Straßen, die seinerzeit ohne Rücksicht auf die Besonnungsmöglichkeiten angelegt wurden, herrscht noch immer der Winter mit Schnee in den Vorgärten, Eispanzern im Straßenzentrum. Aber drüben auf der anderen Seite blühen schon die ersten Schneeglöckchen in den Vorgärten, und aus den Fenstern blicken die frohen Gesichter derer, die einst bei der Wohnungssuche die Sonnenseite erwischt haben. So klingelten sie denn also wieder einmal in aller Herrgottsfrühe an noch schläfrigen Wohnungen, die kleinen Sänger und Sängerinnen, manche dreist und gottesfürchtig, andere wieder zaghaft, besonders die Neulinge in dieser Sache. Die alten Sommertagslieder wurden wieder wach. Von dem Herrn mit der „huha Mütze“, die leider heute nicht mehr voller Dukaten sitzt, von der Frau, die im Hause rumgeht und noch immer die Schönste im Lande ist und – natürlich! – auch von dem vielleicht schon etwas grauen Herrn, der noch immer den jungen Mädeln gut ist; er kann das nun mal, wie’s scheint, nicht lassen.
Überall in der Stadt die alten lieben buntfröhlichen Sommertagsbilder. Am schönsten natürlich in den noch altertümlichen Teilen der Altstadt, auf dem Ring, am Gabeljürgen, am Schloß, an der Liebfrauenkirche. Besonders frohgestimmt auch dort, wo Scharen von sommernden Kindern Park und Promenaden durchzogen. Im Laufe des späteren Vormittags trieb es der März wieder einmal so, wie wir ihn bisher kennengelernt haben: plötzliche Wetterüberfälle, Schneeflockenwirbeltanz – Regenschauer. Auch wurde es, als die Sonne ausblieb, recht fröstlich. Aber nachmittags setzte sich dann eine bessere Wetterlage mit reichlich Sonne durch.
(Quelle: Liegnitzer Tageblatt vom 15. und 17. März 1931)