Ernte - Kirmes - Fröhlichkeit

Volksfeste gab es immer und überall. Besonders auf dem Land dienten sie der Erholung der Bevölkerung nach den kräftezehrenden Erntearbeiten. So war es auch im Liegnitzer Land, wo Erntedank und Kirmes einen der Höhepunkte des Jahres bildeten. Das Liegnitzer Tageblatt vom 12. November 1938 beschreibt ein solches Festszenario:

Ernte – Kirmes – Fröhlichkeit
Ein Dorf feiert seine Kirmes, und wer möchte nicht dabei sein?

Im Liegnitzer Land, 12. November
Die Fiedeln gestimmt und die Trompete blank geputzt! Jetzt ist Kirmes. Und alle Freude will sich mit dem Klange froher Musik vereinen und in ihr den kräftig schwingenden Grundton finden.
Wie haben sie gewerkt und sich gemüht, unsere braven Landleute, die Bauern und ihre treuen Helfer! Von der ersten Bodenbearbeitung in diesem Jahre, von der ersten Aussaat bis zur Ernte, bis der Pflug wieder neue Furchen zog, kannte der Arbeitstag fast keine Grenze. Immer hieß es hurtig die Hände regen, den Rücken krümmen, Pflug, Egge oder Maschine führen, mochte die Sonne heiß herniederscheinen oder wildes Unwetter das Land peitschen. Noch ist die Ernste des Jahres nicht bis zum letzten abgeschlossen. Hackfrüchte stehen noch auf den Feldern und fordern mühsames Ernten in Wind und Wetter. Derweilen gehört bereits ein Tag dem fröhlichen Ernte-Ausklang.

Hatte das Erntedankfest das gesamte Volk zum Danken, Besinnen und Frohsein vereint, so bestimmt jedes Dorf den Tag seiner Kirmesfeier selbst. Schon lange bereitet der Landmann diesen Festtag vor. Denn ein Fest muß die Kirmes werden – juchhei! -, daß die Lebensfreude nur so sprüht und leuchtet. Echter Streuselkuchen muß das Haus mit seinem Duft erfüllen. Ein Schwein oder zumindest ein Zickel hat sein Leben lassen müssen. An einem kräftigen Schluck und einem rechten "Knaster" darf es nicht mangeln. Nun soll's der Gaumen sich einmal gütlich tun für das, was der Körper an Mühen und Schweiß hat auf dem Felde opfern müssen. Robert Gabel, der bekannte schlesische Heimatdichter, wünscht für die "Kermestage" nichts anderes "As wie's Gebiß vum Löwen und vum Elefant a Magen".

Zur Kirmes gehören die Kirmesgäste.
Verwandte und Gevattersleute sind zur Kirmes eingeladen. Der Dörfler legt seinen besten "Staat" an. Es ist wie an einem hohen Feste; selbst der Dorfschulbub empfindet's wenn er auf die wichtige Frage des Lehrers nach den hohen Feiertagen die Kirmes nicht vergißt. Ein fröhlicher Schmaus beschließt also das Jahr von Saat und Ernte.

Abends aber lockt die Tanzmusik.
Im Kretscham geht es hoch her. Die bunten Röcke fliegen im Tanz, Bänder und Schleifen flattern, und der Jungbauer hält ein Mädel im Arm und schwirrt im Walzertakt durch den Saal, daß es nur so seine Art hat. Aber auch die Alten kommen, und die Polka oder der Rheinländer ruft sie auf die Tanzfläche, und dann bricht die Lebensfreude sich herzhaft und alle mitreißend Bahn.
So schmettern die Trompeten, singen die Fiedeln, bis in die späte Nacht hinein. Der Schweiß tropft den wackeren Musikern von der Stirn – manchem Tänzer nicht weniger. Aber die Kirmesfreude ist damit nicht wegzumachen. Und sie soll und muß ja von dieser Wirkung sein, daß sie selbst ein neues Arbeitsjahr überstrahlt.
In schlesischen Landen versteht man die Kirmes besonders schön auch in der Dorfgemeinschaft zu feiern. Wie gern ziehen wir Städter aufs Dorf, um Kirmesschmaus und Kirmestanz mitzuhalten und uns an der harten, aber ehrlichen Fröhlichkeit derer zu entzünden, die nach schwerem Jahreswerk ein Recht zu Feier und Freude haben.