Altschlesische Hochzeitsbräuche

Hochzeitsbräuche gibt es fast ebenso viele wie Brautpaare. Dass aber doch eine ganze Reihe von Bräuchen und Traditionen in vielen Regionen gepflegt wurden, zeigt ein Bericht des Liegnitzer Tageblattes vom 7. Mai 1936:


Altschlesische Hochzeitsbräuche
Im Dorf vor 100 Jahren

Frühling muß es sein, wenn der „Hochzeitsdiener“ die schlesische Dorfstraße entlangreitet. Mit gewichtiger Miene kommt er von Gehöft zu Gehöft, um jeden Gevatter der großen Hochzeitsfamilie zum Fest einzuladen. Mit lautem Jubel folgt ihm die Schuljugend. Gar festlich ist das Gewand des „Hochzeitsbitters“. Auf hohem Hute blitzt Flittergold. Von den Schultern fallen als Abzeichen seiner Würde weiße Tücher. Um seine lange Reitgerte sind bunte Bänder geflochten.
Inzwischen hat die ebenfalls sehr wichtige „Feder“- oder „Bettfrau“ das Brautfuder geladen. Ein fester Bauernwagen, bunt geschmückt, nimmt die Aussteuer der Braut auf. Als Vorspann dienen zwei, zum hohen Fest gehörige aufgezäumte Ochsen. An den Seiten dieses Wagens hängen Stühle und Schemel. Querüber liegen Bettstellen, Schränke und Laden. Alles ist mit Stroh gut verpackt. Hinten am Wagen sind Spinnrad, Scheuerfaß, Wasserkannen, Butterfaß und Quirlholz angebracht. Obenauf lagen die Betten. Hinter dem Brautfuder tratschen die beiden Brautkühe. Das zu dem neuen Hausstande gehörende „Schweinla“ macht den Schluß des Ganzen. So wird die Dorfstraße hinauf ins Hochzeitshaus gefahren.

Am Tage vor der Hochzeit wird von den jungen Burschen das „Hoferecht“ ausgeübt. Mit Instrumenten der verschiedensten Art zieht man durch das Dorf und bringt der Braut ein Ständchen. Zum Polterabend wird am Hoftor viel tönernes Altgeschirr zerschlagen. Je mehr gepoltert wird, desto mehr Glück ist für das Brautpaar zu erwarten. Dann singen die „Kränzeljungfrauen“ der Braut alte Abschiedslieder. Die Dorfmusikanten machen in später Nachtstunden noch den „Hochzeitslärm“.

Bei der Auffahrt zur Kirche am Hochzeitstage zieren rote Bänder Wagen, Peitschen und Pferde. Das Brautpaar trägt Geld in den Schuhen. Die Rocktaschen bergen etwas Salz, im Brautkranze steckt ein Stücklein Brot. Nun läuten vom Kirchturme die Hochzeitsglocken. Die Hochzeitsgäste treten zuerst in die Kirche. Es sind genug Dorfleute da, die Brautschau zu halten. Sie geben Obacht, wer von dem Brautpaar den ersten Schritt in die Kirche tut. Bei der Rückfahrt aus der Kirche soll die Braut zum Dank ein Geldstück im Wagen liegen lassen.

Doch nun sind im Hochzeitshause Tor und Tür verschlossen. Die Einlaß begehren, schelten und klopfen wohl tüchtig, doch niemand meldet sich von drinnen. Zwar stehen die Hochzeitsgäste verlegen beiseite, aber keiner springt helfend ein. Die alte Hochzeitssitte verlangt es, daß das Brautpaar sich den Eintritt in das neue Heim regelrecht erarbeiten muß. Also muß das hohe Hoftor überklettert werden; dann ist auch innen der schwere Torriegel wegzuschieben. Jetzt erst wird der vierkantige Querbaum frei, und die Gäste können rein. Das geht natürlich alles nicht ohne Lachen und Neckereien ab.
Nach Überschreiten des Hofes wird der Braut von ihren Eltern ein Laib Brot zum Aufschneiden überreicht. Der junge Ehemann muß seine Angetraute über die Türschwelle tragen. Im Hausflur essen beide eine Schnitte Brot. Hier dankt auch der Schwiegersohn der Mutter seiner jungen Frau für alles, was sie an guter Erziehung der Tochter hat zuteil werden lassen.

Der „Brautdiener“, diese dritte wichtige Person bei der schlesischen Hochzeit, hat inzwischen die Hochzeitstafel bereitet. Er ist geschmückt an Hut und Brust mit einem bunten Strauß und Goldflitter. Sein Amt ist: Tischordner, Sprecher, Mundschenk der Braut und Spaßmacher zu sein. Die Hochzeitsteilnehmer lassen sich unter Jubel und Trubel an der Tafel nieder. Das hohe Paar hat seinen Platz ganz oben. Lustige Hochzeitslieder erklingen, launige Reden steigen beim Mahl. Viele lassen immer wieder die Neuvermählten hochleben. Ein alter Onkel spricht von der „guten, alten Zeit“. Wenn dann der Abend anbricht, geht alles in den Kretscham. Hier kommt der erste Tanz nur den beiden Neuvermählten zu. Etwa gegen 11 Uhr abends beginnt der „Haubentanz“.
Dabei bilden die jungen Mädchen einen Kreis und umtanzen die Braut. Dann wird der Braut der Kranz abgenommen und die Haube aufgesetzt. Zweimal wirft sie sie wieder von sich. Erst das dritte Mahl behält sie sie auf dem Kopf. Die verheirateten Frauen umschließen nun ihre neue Schwester. Dann tanzt noch einmal die Braut mit allen Brautjungfern. Auch die recht figurenreichen Brautreigen werden noch aufgeführt. Bald ist das frohe Fest verrauscht. Doch noch lange überstrahlt der farbenfrohe „schlesische Hochzeitstag“ das Alltagsleben des Dorfes.